Cycling Wales 2012

Der Plan

Die Idee zu dieser Tour kam auf, als klar war, dass ich ein halbes Jahr in Cardiff verbringen würde. Thomas würde seinen Jahresurlaub in diese Zeit legen und wir würden gemeinsam ein paar Wochen auf dem Fahrrad das Land erkunden. Für uns beide war der Plan eine Herausforderung. Thomas fuhr immerhin öfters Fahrrad und hatte insgesamt mehr Erfahrung und Training. Bei mir sah es dagegen ziemlich düster aus. Ein erster Schritt in Richtung Training war die Anmeldung im Fitness Center vom MTV in München. Immerhin gingen wir ab da jede Woche einmal zum Training. Nicht viel, aber wenigstens ein kleiner Start. Alles andere musste sich auf der Tour regeln.

Tag 1: Cardiff nach Merthyr Tydfil

Datum: 3. Juli 2012, Strecke: 48,58 km, Wetter: Regen, Übernachtung in Merthyr Tydfil: Imperial Hotel

Nach einem kurzen Frühstück geht es endlich mit los. Beide Räder sind bepackt mit unseren funkelnagelneuen, orange leuchtenden, wasserdichten Satteltaschen. Wie nicht anders zu erwarten, regnet es leise vor sich hin und für die nächsten Tage ist laut Wetterbericht keine Besserung zu erwarten. Ein erster Test für unsere Regenkleidung.
Ein kurzer Trip von unserer Basisstation, meinem Häuschen in Catheys, bringt uns direkt zum Bute Park und von dort auf den Taff Trail, der uns zwei Tage lang den River Taff entlang in Richtung Norden nach Brecon führen wird. Den ersten Teil der Strecke bis Merthyir Tydfil kennen wir bereits von einem Wochenendtrip.
Er geht vorbei am Castle Coch, der verspielten Sommerresidenz des dritten Marquis von Bute. Direkt gegenüber liegt Taffs Well, bekannt aus Film und Fernsehen durch den Film „The english man who went up a hill, but came down a mountain.“ mit Hugh Grant. Im Film geht es allerdings weniger um den Ort, als vielmehr um seinem Hausberg, den Ffynnon Garw, der mit seinen 307 Metern (1007 Ft) in der leicht welligen Umgebung nicht zu übersehen ist. Der Film führt mit viel Charme und Witz in die abgeschiedene Welt von Südwales zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein, als erster Weltkrieg und Kohleabbau das Leben bestimmen und alles Englische stoisch geduldet und herzlich gehasst wird. Gedreht wurde der Film allerdings nicht am Originalschauplatz (die Geschichte selbst ist sowieso fiktiv), sondern in einem abgelegenen walisischen Dorf, irgendwo in Mittelwales.
Weiter führt uns der Trail auf weitgehend autofreien Straßen vorbei an Pontypridd, Abercynon und Merthyr Vale, bis wir schließlich am Nachmittag in Merthyr Tydfil ankommen, alles in allem ein sanfter Anstieg vom Meeresspiegel in Cardiff bis auf 200 Meter. Es hat den ganzen Tag geregnet. Als wir endlich am Hotel ankommen, sind wir komplett durchnässt. Netterweise dürfen wir die triefenden Fahrräder in einem leeren Gastraum im Erdgeschoss abstellen.
Den Rest des Nachmittags verbringen wir mit Duschen, Lesen und Schlafen. Abends gehen wir ins Pub und ich probiere eine erste Version von Taverners Chicken, in Barbecue Soße ertränkte Hühnerbrust, überbacken mit Schinken und Käse. Ein Gericht, das uns in unterschiedlichen Variationen durch ganz Wales begleiten wird.
Da es immer noch regnet, sparen wir uns einen Spaziergang in die Stadt. Wir kennen Merthyr schon von unserem letzten Besuch. Die gemächliche Kleinstadt spielt heute neben der walisischen Hauptstadt Cardiff nur noch eine untergeordnete Rolle. Dies war jedoch nicht immer so. Durch die reichen Kohle- und Eisenerzvorkommen in der Umgebung, entwickelte sich Merthyr im 19. Jahrhundert in nur wenigen Jahren vom verschlafenen Dorf mit 700 Einwohnern zur Boomtown mit bis zu 80 000 Einwohnern. Eine Entwicklung, die im 20. Jahrhundert ein langsames aber stetiges Ende fand. Ende der 80er Jahre wurden schließlich die letzten Kohlebergwerke in den Valleys rund um Merthyr geschlossen und ganz South Wales musste sich neu erfinden. Eine Entwicklung, die vor allem auch in Cardiff tiefe Spuren hinterlassen hat.
Nach unserem relativ leichten Einstieg heute, wird es morgen ernst. Es beginnt unsere erste Bergetappe in den Brecon Beacons Nationalpark.

Tag 2: Merthyr Tydfil nach Brecon

Datum: 4. Juli 2012, Strecke: 42,85 km, Wetter: Vormittag Regen, später kommt die Sonne heraus, Übernachtung in Brecon: The Wellington

Nach einem opulenten englischen Frühstück mit Schinken, Eiern, Würstchen und Pilzen, machen wir uns auf den Weg. Der Wettergott hat kein Einsehen mit uns armen Radfahrern. Als wir fertig zur Abfahrt sind, beginnt es zu schütten. Aber es hilft nichts. Wir packen uns und unser Gepäck bis oben hin ein und machen uns auf den Weg. Merthyr ist klein und wir sind schnell aus der Stadt heraus und wieder auf dem Taff Trail Richtung Brecon.
Der erste Teil der Strecke ist – wie alle Wege in Wales – hügelig und führt uns auf und ab, vorbei am Pontsticill Stausee bis zum Pass auf fast 500 Metern; für unsere ungeübten Knochen eine echte Herausforderung. Als Belohnung führt der Weg danach konsequent bergab, vorbei am Talybont Stausee, bis hinein nach Brecon. Die Strecke selbst ist einsam. Ab und an tauchen auf am Straßenrand geduckte Steinhäuser auf, die schnell wieder im Nebel verschwinden. Autos gibt es fast keine, dafür umso mehr Schafe. Hin und wieder treffen wir verirrte Radfahrer mit ihren Mountain Bikes. Unsere Hoffnung auf ein Cafe oder ein Pub unterwegs, damit wir uns aufwärmen können, schwindet schnell dahin. Wegen der Bergfahrt hatten wir die Strecke für heute kurz geplant und wir erreichen Brecon am frühen Nachmittag.
Nachdem es bis mittags fast ununterbrochen geregnet hat, spitzt am Nachmittag endlich kurz die Sonne heraus und wir nutzen die Gelegenheit zu einer kleinen Besichtigungstour in Brecon. Der Ort selbst ist Ausgangspunkt für Wanderungen in die Beacons und man findet an allen Ecken Outdoor Läden. In einem Cafe probiere ich das erste Mal Scone mit Clotted Cream und Jam. Clotted Cream ist eine Art dicker, streichfähiger Rahm und sehr lecker.
Highlight des Ortes ist die 900 Jahre alte Kathedrale, die von außen wie eine Trutzburg wirkt. Der Ort selbst wirkt jedoch etwas verlassen. Viele Häuser stehen zum Verkauf oder verfallen langsam vor sich hin. Auch unser Hotel, wie es aussieht das Beste am Platz, hat schon bessere Tage gesehen. Die Einrichtung im Badezimmer ist zwar sauber, hat jedoch unverkennbar den Charme der 70er Jahre und würde gut eine Renovierung vertragen. Den ganzen Nachmittag bleibt es trocken. Mit etwas Glück haben wir morgen unseren ersten Sonnentag! Die Sonnencreme steht schon bereit.

Tag 3: Brecon nach Builth Wells

Datum: 5. Juli 2012, Strecke: 48.46 km, Wetter: trocken und sonnig, Übernachtung in Builth Wells: The Greyhound B&B

Der erste sonnige Tag seit Beginn unserer Tour. Der Taff Trail endet in Brecon und wir folgen ab heute dem Lon Las Cymru, einem der nationalen Radwege quer durch Wales. Offiziell beginnt der Trail in Chepstow an der walisisch-englischen Grenze und führt quer durch die Hügel bis nach Holyhead am äußersten Ende der Insel Anglesey. Der Taff Trail beginnt etwas weiter im Westen in Cardiff und dient als eine Art Zubringer zum Lon Las Cymru.
Builth Wells, unser nächste Ziel, liegt auf der Karte Luftlinie 25 km nördlich von Brecon, der Radweg führt jedoch in einem großen Bogen nach Norden und benötigt fast 50 km. 25 statt 50 klingt zu verlockend und unser ursprünglicher Plan war daher, die direkte Route über die Landstraße zu nehmen, statt der scenic Route für Radfahrer über die Hügel. Eine Rückfrage im Hotel ergibt jedoch, dass die kürzere Tour über einige unangenehme Berge führen würde und so entscheiden wir uns nach einigem hin und her, brav dem offiziellen Fahrradweg zu folgen.
Nach ein paar heftigeren Hügeln zu Beginn, wird die Strecke angenehmer zum Fahren und wir kommen gut voran. Am frühen Nachmittag erreichen wir Builth Well und richten uns gemütlich im B&B ein. Ein kurzer Trip durch das Dorf zeigt, dass es nicht wirklich viel zum Ansehen gibt und wir vertreiben uns die Zeit mit entspannen und nichts tun. Von anderen Radfahrern hatten wir schon gehört, dass die Strecke durch das hügelige Bergland von Mittelwales außer Landschaft und Schafen wenig Spannendes zu bieten hat; hier ist der Weg das Ziel, nicht das Sightseeing. Immerhin finden wir im Dorf ein Pub, in dem wir eine sehr leckere Quiche bekommen. Das Pub ist komplett leer, was unter der Woche offenbar vollkommen normal ist. Wir gehen früh ins Bett, um uns auf die nächste Etappe vorzubereiten.

Tag 4: Builth Wells nach Rhayader

Datum 6. Juli 2012, Strecke: 28,77 km, Wetter: Heftige und ergiebige Regenfälle, Übernachtung in Rhayader: Ty Morgan’s

Heute hat uns das Wetter schließlich doch noch in die Knie gezwungen. Ursprünglich hatten wir geplant, dem Trail von Builth Wells bis nach Llangurig zu folgen. Nach 28 km im strömenden Regen, hügelauf, hügelab, durch Matsch und Pfützen, mit Wasser von oben und unten, flüchten wir auf halber Strecke in ein Hotel in Rhayader und beschließen dort zu übernachten. Da wir die weiteren Übernachtungen bis Machynlleth bereits reserviert haben, bedeutet das erst einmal eine Reihe von Telefonaten, bis alle Übernachtungen für die nächsten Tage geregelt sind.
Unser Hotel stellt sich als überraschend luxuriös und angenehm heraus. Und es gibt eine Badewanne! Während es draußen schüttet, lassen wir es uns im heißen Wasser gut gehen. Der Regen lässt den Rest des Tages nicht nach und wir schließen uns im Zimmer ein, schlafen, lesen und schauen fern. Nach einem für walisische Pub-Verhältnisse überraschend gutem Essen im Hotel, stecken wir noch einmal die Nase vor die Tür und beschließen es für diesen Tag gut sein zu lassen. Morgen kommt der zweite Teil der für heute geplanten Strecke. Vielleicht hat der Wettergott ein Einsehen mit uns armen Radlern.

Tag 5: Rhayader nach Llangurig

Datum: 7. Juli 2012, Strecke: 20,08 km, Wetter: Erst Regen, dann etwas Sonne, Übernachtung in Llangurig: Plas Bwlch B&B

Nach der halben Tour am Vortag, wollen auch die übrigen Kilometer gefahren werden. Ohne Hügel dazwischen, geht es erstaunlich schnell. Wären wir am Vortag nicht so nass und durchgefroren gewesen, wir hätten die Strecke ohne Probleme geschafft. Nach anfänglich leichtem Regen, kommt schließlich wieder die Sonne heraus. Viel zu früh erreichen wir Llangurig, eine Ansammlung von Häusern entlang der Hauptstraße. Immerhin gibt es einen Laden, in dem wir uns mit Sandwiches und Welsh Cakes eindecken. Ein kurzer Anruf im B&B führt zu etwas Verwirrung ob unserer frühen Ankunft. Die Zimmer dürfen normalerweise erst ab vier Uhr bezogen werden, jetzt ist es kurz nach zwölf. Als wir erwähnen, dass wir mit dem Fahrrad unterwegs sind, dürfen wir zu unserer Erleichterung kommen. Auf unserer Tour durch Wales konnten wir das öfters beobachten. Als ‚arme‘ Radfahrer, dem Wetter und den Hügeln ausgesetzt, hat man schnell die Herzen der Waliser auf seiner Seite.
Das B&B mit dem rätselhaften Namen Plas Bwlch liegt zwei Meilen außerhalb von Llangurig an der Landstraße nach Aberystwyth. Das Haus selbst ist an den Hang gebaut und wir haben von unserem Zimmer einen wunderbaren Blick über das Elan Valley. Der Regen hat sich endlich verzogen und die Sonne strahlt vom Himmel. Nach den vielen Tagen in Dreck und Regen ist Großwäsche angesagt. Leider gibt es keinen Trockner im Haus und wir pflastern den kleinen Innenhof für die B&B Gäste mit unseren Unterhosen und T-Shirts. Mit Tee und Welsh Cake bewaffnet, setzen wir uns daneben und lesen.
Durch die Reservierung war es nicht möglich, die Tagesetappe zu verlängern und wir genießen die ungeplante Auszeit in der Sonne. Auch wenn unsere Strecken für echte Radprofis lächerlich kurz erscheinen mögen. Für uns als ungeübte Anfänger ist es vor allem wichtig, uns zu Beginn unserer Tour mit unseren Tagesetappen nicht komplett zu übernehmen. Regen und Hügel fordern ihren Tribut und es braucht ein paar Tage im Sattel, um hier zu einer echten Routine zu kommen.
Unser Verdacht, dass es in der Nähe des B&Bs nichts zum Essen gibt, bestätigt sich. Zum Glück haben wir, einer dumpfen Vorahnung folgend, mittags noch die Sandwiches gekauft. Zusammen mit den Biscuit, die jedes englische Hotel mit der obligatorischen „tea cooking facility“ anbietet, werden wir auf jeden Fall die Zeit bis zum nächsten „full english Breakfast“ überleben.

Tag 6: Llangurig nach Machynlleth

Datum: 8. Juli 2012, Strecke: 50,77 km, Wetter: Endlich Sonne, Übernachtung in Machynlleth: Dyfi View B&B

Die gemütlichen Tage sind vorbei. Mit vielen Pausen, noch mehr Flüchen und wackeligen Knien, erreichen wir die höchste Stelle des Trails. 509 m. Ab jetzt kann es nur noch besser werden. Stolz wie Oskar (nach der Zeit fragt zum Glück ja niemand) rollen wir mit fliegenden Fahnen wieder auf Meereshöhe zurück nach Machynlleth. Nach einer kleinen Stärkung in einem Cafe machen wir uns auf, unsere Übernachtung zu suchen und schieben mühsam die Räder den letzten Hügel hinauf zum B&B.
Dann die Überraschung. Niemand da! Nach einer halben Stunde warten vor der Haustür, erbarmt sich schließlich eine Nachbarin und lädt uns zum Tee ein. Im Fernsehen läuft das Wimbledon Finale der Herren mit Roger Federer und Andy Murray, dem ersten Engländer seit 60 Jahren in einem Tennis Finale (für die Akten: Roger Federer gewinnt natürlich und ganz Großbritannien leidet mit dem sichtlich am Boden zerstörten Murray mit). Unsere Gastgeberin ist gebürtig aus Machynlleth und mit ihrer Tochter führt sie uns stolz in die lokalen Sehenswürdigkeiten ein. Es ist die erste Familie, die wir in Wales kennenlernen, die Welsh als erste Sprache spricht.
Nach einer Stunde immer noch keine Spur von unseren B&B Eltern. Dafür bringt ein Taxi zwei weitere Gäste, die ebenfalls vor verschlossener Tür stehen und von unserer netten Gastgeberin zur Teegesellschaft geladen werden. Irgendwann tauchen tatsächlich die B&B Besitzer auf und wir können endlich das Zimmer beziehen und unter die Dusche gehen.
Am Abend machen wir noch einen Abstecher in die Stadt. Es gab eine Zeit im Mittelalter, in der Machynlleth Hauptstadt von Wales war. Heute ist in der verschlafenen Stadt nicht viel davon zu bemerken. Einzige Besonderheit: es gibt einen Bahnhof. Nach tagelangem verkehrstechnisch gesehenem Niemandsland in den Waliser Hügeln, fühlt man sich mit den Zugverbindungen in Machynlleth, als hätte man den Nabel der Welt erreicht.

Tag 7: Machynlleth nach Dolgellau

Datum: 9. Juli 2012, Strecke: 28,02 km, Wetter: Beim Losfahren Regen, später trocken, Übernachtung in Dolgellau: Staylittle B&B

Die Strecke von Machynlleth nach Dolgellau verläuft ohne besondere Herausforderungen. Die Fahrradkarte verweist explizit auf ein Wegstück auf dem Trail, das nur mit Mountainbikes befahren werden sollte. Für unsere bepackten Touring Räder keine Option. Wir entscheiden uns daher für die Landstraße und rüsten entsprechend auf: gelbe Neon-Jacken, gelber Regenschutz für die Satteltaschen, gelbe Leuchtstreifen an den Beinen. Wir leuchten nach allen Richtungen beim Fahren. Was auf den ersten Blick absurd und übertrieben klingen mag, ist für Waliser Straßen Normalität. Vor allem im Regen kann man so als Radfahrer weitgehend sicher sein, dass man rechtzeitig von den heranfahrenden Autos gesehen wird.
Nur wenige Kilometer hinter Machynlleth lädt ein Craft Center zu einem kleinen Zwischenstopp ein. Das Center besteht aus einer Reihe von Bungalows, in denen Glasbläser, Töpfer, Schreiner und andere Handwerker ihre Produkte herstellen und verkaufen. Nach einem kurzen Kaffee geht es weiter die Landstraße in Richtung Dolgellau.
Die letzten Tage auf dem Trail haben wir immer wieder über das ständige Auf und Ab über Stock und Stein geflucht. Da der Trail nicht für Autos gedacht ist, folgt er einfach der Hügellandschaft. Auf jeden steilen Anstieg folgt unmittelbar eine oft noch steilere Abfahrt, nur um sofort in den nächsten Anstieg zu münden. Nimmt man den ersten, zweiten und dritten Hügel noch mit Fassung und Motivation, lässt diese bei Hügel Nummer 25 langsam aber sicher zu wünschen übrig. Unsere Hoffnung ist daher, dass die Landstraße trotz der Autos entspannter zu fahren sein wird, da es insgesamt weniger und nicht so steile Hügel gibt. Während sich Teil zwei bewahrheitet, erweist sich Teil eins schnell als Fehleinschätzung. Die fehlenden Hügel macht die Landstraße durch einen langen, stetigen, nicht enden wollenden Anstieg wett. Während wir uns mühsam hochkämpfen, werden die Abstände zwischen den Pausen mit jeder Meile kürzer, die Beine schwerer und die Flüche länger. Das einzig Gute an einem Hügel: irgendwann steht man oben und hat zur Belohnung eine wunderbare Abfahrt vor sich.
Als wir schließlich Dolgellau erreichen, hat sich der Regen  verzogen und die Sonne leuchtete. Es ist früher Nachmittag und wir stärken uns mit Scones und Cappucchino für die nächste B&B Suche. Dolgellau ist einer der Ausgangspunkte für Touren in den Snowdonia National Park und vor allem im Sommer gut besucht. Dementsprechend schwer war es, eine Übernachtung zu einem vernünftigen Preis zu finden. Das Staylittle B&B gehört zu einer Farm am Hügel. Im Hof gaggern die Hühner für die "free range eggs" zum Frühstück und über Nacht dürfen wir die Räder in die Scheune stellen.
Nach einer kurzen Pause machen wir uns auf, den Ort zu erkunden. Dolgellau ist klein, verwinkelt und die Häuser sind wie in allen Orten in Mittelwales, grau und gedrungen. Der Abend hält jedoch noch eine Überraschung für uns bereit. In allen Orten, in denen wir bisher übernachtet haben, gab es diverse Pubs und mit etwas Glück ein indisches Restaurant. In Dolgellau finden wir zum ersten Mal ein echtes Bistro, in dem wir den Abend bei einer guten Flasche Wein und hervorragendem Essen ausklingen lassen.

Tag 8: Dolgellau nach Maentwrog

Datum: 10. Juli 2012, Strecke: 33,91 km, Wetter: Trocken und sonnig, Übernachtung in Maentwrog: B&B von Mrs Jackson

Der verlorene Tag in Rhayader holt uns heute ein. Bisher war es kein Problem, trotz der Verschiebung ein Zimmer zu finden. Trotz vieler Anrufe kann ich jedoch in unserem nächsten Ziel, Blaenau Ffestiniog, keine Übernachtungsmöglichkeit finden. Alles ist voll, oder kostet ein Vermögen. In der Not wird man erfinderisch und so erweitern wir unseren Suchradius um ein paar Kilometer und fragen uns durch. Schließlich werden wir in einem Ort namens Maentwrog fündig. Wie wir später herausfinden werden, gibt es in Maentwrog nur eine handvoll Häuser. Eines davon ist das Hotel „the Grapes“, eines das B&B Bryn Maen und eines das Haus von Ms. Jackson. Im Internet finde ich das Hotel und rufe an. Das Hotel ist voll und verweist mich an das B&B. Das B&B ist voll und verweist mich an Mrs. Jackson. Bei ihr finden wir tatsächlich eine Bleibe.
Für den Weg von Dolgellau nach Maentwrog wählen wir wieder die Landstraße, da auf dem Trail ein Stück als „nicht geeignet für Fahrräder mit Gepäck“ markiert ist. Wieder geht es stetig bergan, allerdings nicht ganz so heftig wie am Tag zuvor. Das Wetter ist weitgehend trocken, auch wenn sich die Sonne hinter Wolken versteckt. Der nächste Regen kündigt sich bereits an. In Trawsfynydd machen wir Pause und trinken einen Kaffee, bevor es über eine idyllische Strecke am Trawsfynydd Stausee und einer eindrucksvollen Power Station vorbei, durch Busch und Schafherden weitergeht.
Maentwrog selbst sitzt in einem dunklen Tal auf Meereshöhe. Es gibt kein Handy Netz und auch das Internet hat sich für den Tag freigenommen. Mrs Jackson, unsere B&B Wirtin, bessert mit der Vermietung der Zimmer ihre Rente auf. Ihr Mann ist bereits vor einigen Jahren gestorben und hat ihr das Haus mit vier Gästezimmern überlassen. Offiziell ist es kein B&B mehr. Auf jeden Fall findet man kein entsprechendes Schild an der Tür. Sie erzählt, dass sie nur noch Gäste nimmt, wenn das B&B voll ist. Unser Zimmer ist wie das Haus etwas in die Jahre gekommen, ebenso das Bad. Alles strahlt den Charme der 70er Jahre aus. Seit damals wurde wohl auch nicht mehr viel gemacht. Da wir die einzigen Gäste sind, haben wir das Bad komplett für uns. Alles in allem ist es ok, aber der Preis von 60$ ist definitiv zu hoch im Vergleich zu den anderen B&Bs, in denen wir übernachtet haben. Aber immerhin haben wir ein Dach über dem Kopf.
Zum Glück für Maentwrog und uns gibt es das Hotel mit Pub, das für arme Wanderer wie uns wenigstens etwas Leben bietet. Nach einem kräftigen Abendessen (eine weitere Version von Taverners Chicken), gehen wir früh ins Bett.

Tag 9: Maentwrog nach Llandudno

Datum: 11. Juli 2012, Strecke: 14,56 km, Wetter: trocken und meist sonnig, Übernachtung in Llandudno: Cliffbury B&B

(Das Profil zeigt nur die ersten 8 km bis Blaenau Ffestiniog)

Der Tag beginnt mit einer Entscheidung. Unser Plan ist, den Trail hier zu verlassen und mit dem Zug vorbei am Snowdonia Nationalpark bis nach Llandudno zu fahren. In Llandudno gönnen wir uns dann den Luxus eines Ruhetags. Hauptproblem ist allerdings von Maentwrog überhaupt zum Zug zu kommen. Über Maentwrog – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes – gibt es eine Station der Ffestiniog Railway, eine der vielen Dampfeisenbahnen aus Zeiten des Kohle und Schieferabbaus, die uns nach Blaenau Ffestiniog bringen würde. Von dort verkehrt ein normaler Nahverkehrszug bis Llandudno. Die Station in Maentwrog liegt jedoch 150 Meter über uns und der Weg zur Station ist nach Aussage von Mrs. Jackson sehr steil. Auch ist nicht klar, ob die Fahrräder überhaupt in einer historischen Dampfeisenbahn erlaubt sind und last but not least haben wir kein Internet, um den Fahrplan nachzusehen. Wir entscheiden uns also für die unangenehmere Alternative, mit dem Fahrrad 8 km nach Blaenau Ffestiniog und von dort direkt mit dem Zug nach Llandudno. Wie auch immer man es dreht, Maentwrog liegt ungefähr auf Meereshöhe, Blaenau Ffestiniog dagegen auf 200 Meter. Konkret bedeutet das, dass wir auf 8 km 200 Höhenmeter überwinden müssen, eine frustrierende Vorstellung, wenn man bedenkt, dass wir den Tag als ersten Ruhetag eingeplant hatten. Aber es hilft nichts. Irgendwie müssen wir den Zug erreichen. Die Fahrt ist mühsam, aber irgendwann ist jeder Hügel zu Ende und erleichtert rollen wir in den Ort.
Blaenau Ffestiniog ist von allen Orten, die wir bisher in Wales gesehen haben, der wohl markanteste. Rund um den Stadtkern erheben sich riesige grauschwarze Schieferhalden, die bis in die Gärten der Häuser reichen. In der Nähe von Ffestiniog liegt die Oakeley-Schiefermine, eine der größten der Welt. Im 18. und 19 Jahrhundert stellte Schieferabbau und Verarbeitung den wichtigsten Industriezweig für den gesamten Nordwesten von Wales dar. Die Ffestiniog Railway wurde gebaut, um den Schiefer von der Mine zur Küste nach Porthmadog zu transportieren. Heute sind es vor allem Touristen für den Snowdonia Nationalpark, die nach Ffestiniog kommen. Es besteht jedoch noch die Möglichkeit eine Mine zu besuchen und da wir ein paar Stunden Zeit haben bis zur Abfahrt des Zuges, lassen wir uns mit einer kleinen Bergwerksbahn in die Zeit des Schieferabbaus versetzen, als es sich für einen guten Bergarbeiter gehörte jeden Tag in die Kirche zu gehen (Sonntags dreimal), und die Wahl der richtigen Kirche (die des Minenbesitzers) das berufliche Fortkommen entscheidend beeinflusste. Der Besuch der Mine ist spannend, wenn auch der Präsentation eine Modernisierung gut tun würde. Die verbleibende Zeit bis zur Abfahrt des Zuges verbringen wir wieder in einem Cafe und genießen die Sonne.
Die Strecke nach Llandudno verläuft durch den Snowdonia Nationalpark und ist ein landschaftliches Highlight. Llandudno selbst ist ein viktorianisches Seebad an der Irischen See mit Strandpromenade und unzähligen Hotels (erstaunlicherweise jedoch wenigen Restaurants). Nachdem wir unser Zimmer im B&B bezogen haben, machen wir uns auf die Suche nach einem Fahrradladen. Eines der Fahrräder braucht neue Bremsbeläge. Es folgt ein kurzer Spaziergang an der Promenade und bald schon fallen wir ins Bett.

Tag 10: Llandudno

Datum: 12. Juli 2012, Strecke: 8,31 km, Wetter: Trocken und meistens sonnig, Übernachtung in Llandudno: Cliffbury B&B

(Profil unserer Wanderung auf den Great Orme)

Es ist unser erster echter Ruhetag ohne Fahrrad. Nach 9 Tagen Tour schmerzen die Knie, die Muskeln sind verspannt und wir sind beide einfach erschöpft. Am Vormittag machen wir pflichtbewusst einen kurzen Ausflug auf den großen Orme, den Hügel, der an einer Seite die Bucht von Llandudno beschränkt, aber wir merken beide, dass es reicht. Tapfer laufen wir noch nach Hause und fallen erschöpft ins Bett für einen langen Mittagsschlaf. Erst hinterher merke ich, wie dringend notwendig diese Pause war. Es ist, also ob der Körper die Auszeit gebraucht hat, um sich auf den neuen Lebensstil einzustellen.
Als wir aufwachen, ist es bereits abends und es wird Zeit etwas zum Essen zu suchen. Zwischen den vielen Hotels ist es nicht einfach ein Restaurant zu finden. Schließlich entdecken wir einen Italiener und lassen uns Pizza und Wein schmecken.

Tag 11: Llandudno nach Bangor

Datum: 13. Juli 2012, Strecke: 35,43 km, Wetter: Regen, Übernachtung in Bangor: Management Center

Der Regen hat uns wieder eingeholt. Nach vier trockenen und teilweise sogar sonnigen Tagen, schüttet es in Strömen. Nach unserem Ruhetag in Llandudno, haben wir als nächsten Stopp das Universitätsstädtchen Bangor eingeplant, 40 gemächliche km an der Küste entlang. Unterwegs statten wir Conwy Castle einen kurzen Besuch ab. Conwy ist eine der von dem englischen König Edward I erbauen Festungen, die rund um Snowdonia gebaut wurden, um die störrischen Waliser endlich zur Vernunft zu bringen. Viel ist vom Castle nicht mehr übrig und so klettern wir im Regen die Türme hinauf und hinunter und schauen, dass wir möglichst bald wieder auf die Räder kommen. Pausen im Regen lassen einen schnell ungemütlich kalt werden.
Am Nachmittag erreichen wir klatschnass Bangor. Im Ort selbst gibt es nicht viele Übernachtungsmöglichkeiten. Zum Glück sind Semesterferien und die Universität vermietet ihre Zimmer an Touristen, in diesem Fall das Management Center, in dem normalerweise die Besucher von Konferenzen und Seminaren untergebracht werden. Die Frau an der Rezeption schaut uns etwas ungläubig an, als wir triefend mit Helm und leuchtend gelben Regenjacken vor ihr stehen, aber sie erlaubt uns, die Fahrräder in einen der Rechnerräume in der Universität abzustellen. Zum Glück dürfen wir auch bald ins Zimmer, obwohl es noch relativ früh ist. Den Rest des Tages verbringen wir mit lesen, Tour de France schauen und dem Regen zuhören. Da es im Haus sogar ein eigenes Bistro gibt, brauchen wir auch abends nicht mehr vor die Tür zu gehen.

Tag 12: Bangor nach Caernarfon

Datum: 14. Juli 2012, Strecke: 14,49 km, Wetter: Anfangs Regen, später Sonne, Übernachtung in Caernarfon: Menai Bank Hotel

Es regnet immer noch, als wir am nächsten Morgen losfahren. Einen kurzen Stopp gönnen wir uns an der Menai Brücke. Bangor liegt an der Menai Street, einer Meerenge zwischen dem Festland von Wales und der Insel Anglesey. Gebaut wurde die Hängebrücke bereits 1826 von dem britischen Baumeister Thomas Telford. Ziel war mit der Brücke eine durchgehende Straßenverbindung von London nach Holyhead zu erhalten.
Eine weitere Besichtigung von Bangor wird wegen dem Regen auf unbestimmte Zeit verschoben. Stattdessen schwingen wir uns auf die Räder und machen uns auf den Weg in Richtung Caernarfon. Es dauert nicht lange, bis der Regen aufhört und zum ersten Mal wird das Fahren angenehm: keine Hügel, kein Regen, ruhiger Fahrradweg. Viel zu früh erreichen Caernarfon und das Menai Banks Hotel.
Den Nachmittag besichtigen wir Caernarfon Castle, ein weiteres der edwardianischen Castles. in Nordwales Diesmal ist etwas mehr erhalten als in Conwy und da das Wetter mitspielt, lassen wir uns Zeit mit der Besichtigung. Sogar ein kleines Museum mit Film zur Geschichte wird geboten.
In Caernarfon Castle wird seit etwa 100 Jahren der Titel des Prince of Wales an den jeweils aktuellen Thronfolger verliehen. Das letzte Mal fand diese Zeremonie im Jahr 1969 mit Prince Charles statt. Das Museum zeigt Bilder wie Charles vor seiner Mutter, der Queen kniet. Im Hintergrund hört man die Ansprache der Queen zu diesem Anlass.
Der Nachmittag ist noch lang und das Wetter sonnig, also machen wir noch einen Spaziergang entlang der Küste. Wenn das Wetter so bleibt, geht es morgen auf den Mount Snowdon.

Tag 13: Caernarfon und Mount Swindon

Datum: 15. Juli 2012, Strecke: 47,15 km, Wetter: trocken und sonnig, Übernachtung in Caernarfon: Menai Bank Hotel

(Profil vom Aufstieg auf den Snowdon. Den Abstieg einfach in entgegengesetzte Richtung lesen)

Heute bleiben die Fahrräder in der Garage. Unser Ziel ist ein Besuch des Mount Snowdon. Nachdem wir einmal fast vollständig um in herumgefahren sind, wollen wir endlich wissen, wie es auf seinem Gipfel aussieht. Der Mount Snowdon ist der höchste walisische Berg und der zweithöchste von Großbritannien. Gefürchtet wird er weniger wegen seiner Höhe von 1000 Metern, sondern vor allem wegen seiner heftigen Wetterumschwünge. Da seine Form eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Mount Everest aufweist (in Miniaturformat natürlich), wurde er von Sir Edmund Hillary zur Vorbereitung für seine Everest Besteigung im Jahre 1953 genutzt. Wir haben allerdings keine Ambitionen, den Berg zu Fuß zu besteigen. Gibt es doch einen Zug, der buchstäblich bis in den Gipfel fährt.
Die Talstation der Snowdon Mountain Railway liegt in Llanberis. Also fahren wir am Morgen mit dem Bus von Caernarfon nach Llandberis, nur um festzustellen, dass alle Züge zum Gipfel bis 14 Uhr vollständig ausgebucht sind. Es ist 11 Uhr und wir müssten 3 Stunden warten. Nach einigem hin und her entschließen wir uns, wenigstens bis zum Halfway Cafe zu wandern, das wie der Name vermuten lässt auf halbem Weg zum Gipfel liegt. Eine Gipfeltour mit Rückkehr scheint uns zeitlich nicht möglich, auch sind wir in Wales zum Radfahren, nicht zum Bergsteigen!
Also machen wir uns auf den Weg und reihen uns in die Karawane auf den Berg ein. Und es ist tatsächlich eine Karawane, eine bunte Kette von Rucksäcken und Jacken, die sich langsam den Weg Richtung Gipfel schlängelt. So ähnlich stelle ich es mir am Mount Everest während der Saison an einem schönen Tag vor, wenn alle, die tagelang im Basiscamp gewartet haben, auf einmal zum Gipfel stürmen. Nebenan fährt in regelmäßigen Abständen die Snowdon Bahn vorbei, aus der die glücklichen Besitzer von Zugtickets uns aufmunternd zuwinken.
Womit wir nicht gerechnet hatten: unser Fahrradtraining in den letzten Tagen hat wahre Wunder bewirkt. In kürzester Zeit sind wir am Halfway Cafe und fragen uns, was wir mit dem Rest des Tages anfangen wollen. Die Entscheidung ist schnell getroffen, ab auf den Gipfel. Die zweite Hälfte ist um einiges steiler und unangenehmer, aber letztlich sind wir um kurz vor 14 Uhr am Gipfel, besser gesagt kurz unter dem Gipfel. Es gibt drei Wege auf den Snowdon, die sich alle am Gipfel treffen. Auf jedem der drei Wege schlängelt sich eine Karawane ähnlich zu unserer hoch. Hinzu kommt der Zug, der seine Endstation ungefähr 10 Meter unter dem Gipfel hat und jede halbe Stunde neue Besucher ausspuckt. Der Gipfel selbst ist ein spitzer Fels mit einer kleinen Aussichtsplattform. Ein paar Stufen führen auf der einen Seite nach oben und auf der anderen Seite wieder nach unten. Wir reihen uns brav in die Gipfelschlange ein, machen das obligatorische Foto von der Aussicht, lassen uns noch mit Aussicht im Hintergrund fotografieren und schauen, dass wir schnell dem Gedränge entfliehen und wieder herunterkommen.
Im Cafe neben der Bahnstation machen wir kurz Pause, bevor wir uns wieder in die Karawane zum Abstieg einordnen. Der Abstieg ist bei weitem nicht so angenehm wie der Aufstieg. Der Weg ist steil und rutschig, die Nachmittagssonne verschwindet hinter den Wolken und langsam wird es kalt. Wir hatten uns noch beim Aufstieg gewundert, warum uns so viele mit Handschuhen entgegengekommen sind. Jetzt hätten wir sie selbst gut gebrauchen können.
Unten angekommen, stellen wir fest, dass der nächste Bus nach Caernarfon erst in einer Stunde fährt. Es hilft nichts als zu warten und zuzusehen, wie Llanberis immer stiller und leerer wird. Die Bahnen schließen, die Geschäfte schließen, die Touristen fahren nach Hause und wir sitzen auf der Steinmauer in der Hoffnung, dass der Bus tatsächlich wie angekündigt kommt. Er kommt tatsächlich und nimmt uns und ein paar andere Gestrandete mit.
Den Abend feiern wir in einem Restaurant neben dem Castle. Es hat uns selbst überrascht, wie leicht uns letztlich der Aufstieg gefallen ist. Das tägliche Fahrradtraining macht sich bemerkbar.

Tag 14: Caernarfon nach Machynlleth

Datum: 16. Juli, Strecke: 29,18 km, Wetter: Es regnet in Strömen, Übernachtung in Machynlleth: Dyfi View B&B

(Profil unserer Fahrt nach Criccieth)

So schön das Wetter gestern war, heute regnet es wieder in Strömen. Geplant haben wir für heute eine Strecke von etwas über 40 km bis Porthmadog. Von dort sollte es mit dem Zug zurück nach Machynlleth gehen, bevor wir uns in den Westen nach Pembrokeshire aufmachen. Ein tiefer Blick auf die Landkarte zeigt uns, dass wir den Zug bereits früher in Criccieth erreichen können, was bei diesem Wetter angeraten scheint.
Nach unserem Schlenker in den Norden sind wir wieder zurück auf dem Lon Las Cymru, dem Trail auf dem wir unsere Tour begonnen haben, diesmal allerdings in umgekehrter Richtung. Nach Plan sollte der Weg erst langsam aber stetig ansteigen und ab Penygroes genau so langsam aber stetig wieder bergab führen. Wie wir auf unserer Tour öfters feststellen mussten, hat die Karte leider nicht viel mit der Realität zu tun und es geht munter bergauf, bergab. Vermutlich zählen solche Hügel für den echten Moutain Biker nicht, für uns macht das die Sache allerdings nicht besser. Das Wetter wird nicht besser und schließlich erreichen wir am frühen Nachmittag Criccieth, klatschnass und durchgefroren. Bis zur Abfahrt des Zugs bleibt wieder etwas Zeit, die wir in einem kleinen, aber feinen Cafe bei Scone und Schokolade verbringen.
Diese ständigen Regenfahrten gehen langsam aber sich an die Substanz. Nicht nur, dass das Fahren im Regen an sich nicht so spaßig ist, auf der Landstraße sogar ziemlich gefährlich. Mit Ausnahme unserer Ortlieb Satteltaschen – die wirklich wasserdicht sind, das muss an dieser Stelle erwähnt werden – kommen wir immer komplett durchnässt an unseren Zielen an. Heizung gibt es im Sommer keine und es wird immer schwieriger, die Sachen über Nacht zu trocknen. Manche fangen trotz waschen bereits an zu müffeln und vor allem unsere Socken und Schuhe haben einen leicht käsigen Geruch angenommen, mit dem wir nicht mehr wirklich salonfähig sind. Die Wettervorhersage für die nächsten Tage verspricht keine Besserung. Dieses Jahr war der schlechteste englische April, gefolgt von einem schlechten englischen Mai und dem schlechtesten Juni seit Beginn der Aufzeichnungen. Jetzt sind wir im schlechtesten Juli gelandet und aller Voraussicht nach wird der August nicht besser. Es ist viel zu kalt und es regnet. Auch die zufälligen trockenen Tage können das nicht ausgleichen. Laut Experten hat sich in diesem Sommer der „jet stream“ zu weit nach Süden verirrt und ist verantwortlich für das schlechte Wetter in Großbritannien. Solange er sich nicht entschließt wieder nach Norden zurückzukehren, bleibt es wie es ist. Kalt und nass treffen wir schließlich die Entscheidung. Wir brechen den Urlaub für diesmal ab und fahren nach Cardiff zurück.  Es wird nicht unsere letzte Fahrradtour sein, aber – und das ist die Lehre aus dieser Fahrt – unsere Ausrüstung ist einfach nicht für diese Wetterbedingungen geeignet. Vorerst fahren wir jedoch wie geplant mit dem Zug nach Machynlleth und übernachten dort ein weiteres Mal im Dyfi View B&B.

Tag 15: Machynlleth nach Aberystwyth

Datum: 17. Juli 2012, Strecke: 36,24 km, Wetter: Es regnet in Strömen, Übernachtung in Aberystwyth: Harry’s Bar and Restaurant

Bevor es endgültig zurück nach Cardiff geht, fahren wir noch einmal an die Küste nach Aberystwyth. Es regnet wieder, aber die Aussicht auf die Rückkehr und das Ende der Regenfahrten hilft, dass es uns diesmal nicht weiter stört. Bei unserem letzten Besuch in Machynlleth hat uns die nette Nachbarin mit dem Tee von einem Umweltprojekt in der Gegend erzählt. Ein Pärchen von Fischadlern wurde angesiedelt und kann seitdem beobachtet werden. Auf unserem Weg nach Aberystwyth kommen wir an der Beobachtungsstation vorbei und gönnen uns einen Blick. Die Station wird von freiwilligen Helfern aus der Umgebung geführt, die uns mit Begeisterung vom Projekt erzählen. Ursprünglich gab es wohl drei Junge, zwei sind jedoch wegen der schlechten Witterungsverhältnisse in diesem Frühjahr gestorben. Das dritte war so geschwächt, dass es den Kopf nicht mehr heben und nach Futter rufen konnte, einer der wenigen Momente, in denen der Mensch eingreifen musste. Das Junge wurde gefüttert und hat sich inzwischen wieder prächtig erholt. Durch Fernrohre kann man das Nest beobachten. Zusätzlich wurden Kameras installiert, die ganz im Sinne von Big Brother fortlaufend filmen und keine Bewegung im Nest unbeobachtet lassen. Zu sehen ist das Junge, wie es ab und an die Flügel streckt. Die Mutter sitzt daneben auf einem kahlen Baum, der Vater ist wohl auf Jagd. Wir lassen eine kleine Spende da und machen uns weiter auf den Weg nach Aberystwyth. Die Strecke zur Küste ist wunderschön, trotz strömendem Regen. Der Weg direkt an der Küste entlang ist leider nur für Fussgänger geeignet und wir müssen wieder auf die Landstraße ausweichen. Kurz vor 14 Uhr erreichen wir den Ort.
Aberystwyth ist Seebad und Universitätsstadt in Einem. Im Gegensatz zum etwas künstlichen Llandudno, wirkt die Stadt jedoch sehr viel lebendiger, trotz Semesterferien. Wir finden schnell unser Hotel für die Nacht und richten uns ein. Das Haus ist zwar frisch renoviert, aber dennoch alt. Es dauert eine Weile, bis wir bemerken, dass etwas seltsam ist. Der gesamte Raum ist abschüssig! Der Unterschied zwischen der einen Zimmerseite und der anderen muss mehrere Zentimeter betragen. Alles dazwischen steht schief, dummerweise auch das Bett und wir beschließen die Kopfkissen zur anderen Seite zu drehen. Bergauf schlafen ist immer noch besser als bergab.
Edward I, der ein sehr umtriebiger König gewesen sein muss, hat auch in Aberystwyth seine Spuren hinterlassen und am Nachmittag machen wir uns auf, die – in diesem Fall sehr spärlichen – Überreste seiner Burg zu besuchen, gefolgt von einem langen Spaziergang an der Strandpromenade. Der Wettergott hat inzwischen ein Einsehen und der Nachmittag ist zwar kühl, aber trocken.
Die Aussicht, vorerst keine weitere Strecke mehr mit dem Fahrrad zu fahren, löst bei uns das dringende und unbezwingbar Bedürfnis aus, den nächsten Buchladen zu stürmen und uns für die nächsten Wochen einzudecken. Eine Stunde später und fünf dicke Wälzer schwerer, kehren wir zufrieden in unser Hotelzimmer zurück und genießen in unserem schiefen Bett den Rest des Nachmittags.
Für den Abend ist der Besuch einer spanischen Tapas Bar geplant. Eine der Damen im Umweltprojekt von Machynlleth hat sie uns wärmstens empfohlen. Sie hat nicht zu viel versprochen. Es ist ein wunderbarer Abschluss für unseren Urlaub: spanischer Wein, echte spanische Tapas und all das mitten in Wales!

Tag 16: Aberystwyth nach Cardiff

Datum: 18. Juli 2012

Es regnet. Sollten wir noch Zweifel gehabt haben, ob die Rückkehr die richtige Entscheidung war, sind diese jetzt endgültig ausgeräumt. Von Aberystwyth bis Cardiff sind es vier Stunden Zugfahrt, mit einmal Umsteigen in Shrewsbury. Mit unseren neuen Büchern verfliegt die Zeit viel zu schnell und es ist früher Nachmittag als wir in Cardiff ankommen.
Alles ist in Ordnung. Das Haust steht noch. Das Dach hat dem Regen standhaft getrotzt und dichtgehalten. Nur mein Garten verwandelt sich bei dem vielen Regen langsam aber sicher in einen undurchdringlichen Dschungel. Bei der nächsten Expedition zum Gewächshaus am Ende des Gartens wird jemand seine Machete mitbringen müssen.
Obwohl wie beide etwas enttäuscht sind über den frühen Abbruch, war es eine schöne Erfahrung. Und die nächste Radtour kommt bestimmt!

Unsere Ausrüstung

Die Ausrüstung war neben dem Training der schwierigste Punkt unserer Planung.

Fahrräder:  Mein altes Fahrrad war definitiv nicht mehr tourentauglich. Ein neues musste her und da ich von Fahrradreparatur und Wartung nicht die geringste Ahnung habe, bestand Thomas auf ein Fahrrad mit Nabenschaltung und daher mit „extrem geringem Wartungsaufwand“. Es wurde ein T 600 von der Fahradmanufaktur mit einer 11 Gang Schimano Schaltung. Die 14 Gang Rohloff Schaltung war mir zu dem Zeitpunkt doch zu teuer. Im Nachhinein hätte ich mich eventuell doch anders entschieden. Die Schimano Schaltung ist nicht schlecht, bei manchen Hügeln hätte ich mir allerdings doch noch einen Gang mehr gewünscht. Thomas Fahrrad wurde einmal in die Werkstatt zur Generalüberholung gebracht und war danach bereit für die Tour.

Taschen: Eines war sicher, wenn wir nach Wales gehen, brauchen wir absolut wasserdichte Satteltaschen. Damit war im Grunde die Wahl schon getroffen. Es gibt zwei Firmen, die solche Taschen herstellen: Ortlieb und Vaude. Einen kleinen Nachlass gab es auf die doch sehr teuren Taschen, wenn man Werbung fuhr und so entschieden wir uns für leuchtend orangene Ortlieb-Taschen mit großem Globetrotter Aufdruck, der uns immerhin fast 40 Euro sparte. Ich entschied mich noch für eine Lenkertasche mit wasserdichtem Kartenaufsatz.

Kleidung: Nicht nur die Satteltaschen, auch die Kleidung muss wetterfest sein und wir deckten uns mit Regenjacke, Regenhose und Gamaschen ein. Zusätzlich rüsteten wir uns mit neongelben Regen- und Bauarbeiterjacken. So seltsam sie im normalen Leben aussehen mögen. Auf walisischen Straßen und im Regen sind sie unabdingbar.